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Atlas

Autor
Fioretos, Aris

Atlas

Untertitel
Fallgeschichten zur Vermessung von Körper und Seele. Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Beschreibung

Atlas, der alte Titan, wurde zum Namensgeber für alles, was außerhalb und innerhalb des Menschen liegt, vermessen und erkannt worden ist. Fioretos hat mit diesem Titel seine Fallgeschichten über Seele, Körper und Weltwahrnehmung zu einem Diskurs verbunden. Hier werden Porträts der Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert gezeichnet, es blitzen Schlaglichter der damaligen neurologischen und naturwissenschaftlichen Forschung auf; auch Tiefgründiges und Anschauliches über Leben und Tod und die Liebe ist darin zu finden. Eine spannende, kostbare Sammlung.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Residenz Verlag, 2020
Seiten
192
Format
Kartoniert
ISBN/EAN
978-3-7017-3518-1
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Aris Fioretos, geboren 1960 in Göteborg, ist Schriftsteller und Übersetzer griechischösterreichischer Herkunft. Viele seiner Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden, zuletzt „Nelly B.s Herz“ (Roman, 2020). 2010 hat Fioretos die erste Werkausgabe sowie eine Bildbiographie von Nelly Sachs veröffentlicht. Für sein Werk wie für seine Übersetzungen (u.a. von Friedrich Hölderlin und Vladimir Nabokov ins Schwedische) hat er zahlreiche Preise erhalten, u. a. den Jeanette-Schocken-Preis 2017 und das deutsche Bundesverdienstkreuz 2019. Seit 2011 ist Fioretos Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Er lebt und arbeitet in Stockholm. Bei Residenz erschienen: „Atlas. Fallgeschichten zur Vermessung von Körper und Seele“.

Zum Buch:

Atlas, der alte Titan, wurde zum Namensgeber für alles, was außerhalb und innerhalb des Menschen liegt, vermessen und erkannt worden ist. Fioretos hat mit diesem Titel seine Fallgeschichten über Seele, Körper und Weltwahrnehmung zu einem Diskurs verbunden. Hier werden Porträts der Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert gezeichnet, es blitzen Schlaglichter der damaligen neurologischen und naturwissenschaftlichen Forschung auf; auch Tiefgründiges und Anschauliches über Leben und Tod und die Liebe ist darin zu finden. Eine spannende, kostbare Sammlung.

Nelly Becker, erste Pilotin Deutschlands, hat in ihrem Leben alle denkbaren Erkenntnisse über das Phänomen der Gänsehaut gesammelt. Zu Beginn mag es eine Rolle gespielt haben, dass der Vater ihr schon als Kind von der „fürchterlichen Gänsehaut“ erzählte, die der Anblick des Revolvers bei ihm auslöste, der sich Zeit seines Lebens in seiner Schreibtischschublade befand. Doch je älter sie wurde, umso mehr interessierte sie sich auch für andere Beobachtungen am eigenen Körper, etwa die Auswirkung eines in ihrer unmittelbaren Nähe eingeschlagenen Blitzes oder die Sensationen ihrer Zunge, wenn sie sie auf die Ader in der Armbeuge einer Freundin presste.

In diesen und anderen Geschichten verknüpfen sich körperliche Befindlichkeiten, Wahrnehmungen und andere seelische Fähigkeiten des Menschen mit der Welt, die ihn umgibt und prägt.

Skizziert werden aber auch Prozesse wissenschaftlicher Forschung. Ganz besonders spannend hier die Entdeckungen Vadim von Kolibars: Bei seinen Zwillingstöchtern, die an der Hüfte aneinandergewachsen geboren worden waren, keine Organe oder Gliedmaßen teilten und deshalb operativ separiert werden konnten, stellt er fest, dass sie nicht nur beim Anziehen, sondern auch in Lernvorgängen die Schwester als Spiegelbild benutzen. Erst kurz vor dem Tod der Mädchen diagnostizierte er zudem eine spiegelbildliche Anordnung der Organe in ihren Körpern.

Ein solches Buch zu schreiben, das sich in jeder Hinsicht gegen den Strich lesen lässt und doch von einem durchgängigen Gedankengeflecht der Beziehung zwischen Innen- und Außenleben getragen wird, ist schlicht genial zu nennen. Die Kapiteltexte eröffnen so viele neue alte Blicke auf die geheimnisvolle Verknüpfung von Seele und Körper und Welt, dass das Innehalten ebenso unabdingbar ist wie das Weiterlesen. Die Textsammlung wird dem Motto der Reihe nur allzu gerecht: Unruhe bewahren.

Susanne Rikl, München