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Autor
Solnit, Rebecca

Orwells Rosen

Untertitel
Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger
Beschreibung

So lieblich und harmlos wie das an den Jugendstil erinnernde und von Jon Gray entworfene Cover ist das neue Buch von Rebecca Solnit nicht. Es gehört auch nicht auf den Coffee Table, sondern aufgeblättert und gelesen – und (wenn es Ihnen ähnlich geht wie mir) geliebt. Rebecca Solnit gelingt in Orwells Rosen das Meisterstück, sowohl über Orwells Biographie und Werk als auch über einige Weltereignisse des 20. Jahrhunderts zu reflektieren, sowohl von Orwells Garten als auch von unserem Verhältnis zur Natur, sowohl von Kunst als auch von Kolonialismus zu erzählen – und uns zugleich mit diesem Leben zu versöhnen: trotz Seuchen, Krankheiten und Kriegen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Rowohlt Verlag, 2022
Format
Gebunden
Seiten
352 Seiten
ISBN/EAN
978-3-498-00313-5
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Rebecca Solnit, Jahrgang 1961, ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins Harper’s und schreibt regelmäßig Essays für den Guardian. Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den renommierten Book Critics Circle Award. Ihr Essay «Wenn Männer mir die Welt erklären», auf dem der Begriff «mansplaining» beruht, ging um die Welt. Auf Deutsch erschienen von ihr zuletzt «Unziemliches Verhalten. Wie ich Feministin wurde» und «Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens».

Zum Buch:

So lieblich und harmlos wie das an den Jugendstil erinnernde und von Jon Gray entworfene Cover (der auch die Umschläge für Zadie Smith gestaltet) ist das neue Buch von Rebecca Solnit nicht. Es gehört auch nicht auf den Coffee Table, sondern aufgeblättert und gelesen – und (wenn es Ihnen ähnlich geht wie mir) geliebt. Rebecca Solnit gelingt in Orwells Rosen das Meisterstück, sowohl über Orwells Biographie und Werk als auch über einige Weltereignisse des 20. Jahrhunderts zu reflektieren, sowohl von Orwells Garten als auch von unserem Verhältnis zur Natur, sowohl von Kunst als auch von Kolonialismus zu erzählen – und uns zugleich mit diesem Leben zu versöhnen: trotz Seuchen, Krankheiten und Kriegen.

Rebecca Solint ist bekannt als brillante Essayistin. Und ihrem Genre bleibt sie treu. Es ist, als würde man bei dieser erklärten Feministin im Wohnzimmer sitzen: ab und zu steht sie auf, holt einen Bildband aus dem Regal, etwa über Tina Modotti, und schlägt die Seite mit ihrer berühmten Photographie Rosen Mexiko, 1924 auf. Einer der Kontaktabzüge wurde 1991 für 165.000 Dollar versteigert, nie zuvor wurde so viel für eine Photographie ausgegeben. Die Geschichte zu diesem Bild führt uns aber mitten hinein in Orwells Leben.

1903 in Nordindien als Eric Arthur Blair geboren, verbrachte er die ersten Jahre in englischen Kleinstädten mit Mutter und Schwestern und trat mit „19 in den Dienst der britischen Polizei in Burma ein“; in seinen 20ern wendet er sich von seiner Herkunft ab, wechselt den Namen, widmet sich dem Schreiben. Er arbeitet sowohl als Romanautor wie auch als Journalist und recherchiert u.a. über das Leben englischer Bergbauarbeiter. Immer wieder aber kehrt er in seinen Garten zurück, pflanzt Rosen, führt Protokoll über deren Entwicklung und Wuchs und findet darin eine Schönheit, die ihn tröstet und heilt.

Als der Spanische Bürgerkrieg ausbricht, meldet er sich freiwillig, dabei scheint ihm völlig unklar zu sein, welch unterschiedliche kommunistische Fronten sich den Faschisten entgegenstellen und welcher er sich eigentlich angeschlossen hat. Aber langsam dämmert dem Leser, warum Solnit den Bildband von Modotti aus dem Regal geholt hat: Modotti, 1896 in Italien geboren, wanderte mit 16 nach San Francisco aus und 1923 gemeinsam mit dem Photographen Edward Weston ins postrevolutionäre Mexiko. Hier widmet sie sich der sozialdokumentarischen Photographie. Das berühmte Rosenbild zeigt nicht nur vier Rosen in unterschiedlichen Stadien, den Lebensaltern gleich, es weist darüber hinaus in die Geschichte Mexikos: auf den Aufstand der Indigenen und Mestizen gegen die spanische Herrschaft. Modottis politisches Interesse führt sie 1927 zu den Kommunisten, ins Exil und schließlich nach Moskau, wo sie sich von der Kunst abwendet. 1936 geht auch sie nach Spanien und ist allem Anschein nach mit verwickelt in Spionage und den brutalen Kampf gegen Abweichler von der stalinistisch-sowjetischen Linie. Folter und Exekution gehören zur Tagesordnung. „Auch Orwell war durch seine Verbindung mit der POUM zur Zielscheibe geworden“.

Es ist das an Orwells Biographie und Werk herausgearbeitete Engagement für die Unterdrückten und Benachteiligten, die kluge Analyse des in die Widersprüche eines solchen Engagements Verstrickt-Seins und Orwells gleichzeitige Empfänglichkeit für das sogenannte Schöne, dem Solnit eine Notwendigkeit, ein sine qua non attestiert, das das Buch so herausragend macht. Voll Vergnügen und Wissensdurst folgt man ihr Unter die Erde, zu Stalins Zitronen oder an den Fluss Orwell (so lauten drei Kapitel).

Ob wir die Natur oder die schönen Künste als Rückzugsort und Kraftquelle nutzen oder ob wir politische und soziale Verhältnisse in der Natur und Bildern entdecken: Es liegt an uns, am Betrachter: „Der Garten als Rückzug, der Garten als Angriff.“ Dass er beides sein darf und kann, vielleicht sogar manchmal, wie im Fall von Orwell, sein muss, das aufzuzeigen ist das Verdienst dieses umwerfenden Buches von Rebecca Solnit, dessen Reichtum und Klugheit, dessen Schönheit und Leichtigkeit hier gar nicht beschrieben werden kann – es muss gelesen werden.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt