Zum Buch:
Irgendwo zwischen Hamburg und der Nordsee liegen Grünendeich und die Elbinsel Hahnöfersand, die nicht nur seit 2008 unter Naturschutz steht, sondern auch seit mehr als einem Jahrhundert die Justizvollzugsanstalt der Hansestadt Hamburg beherbergt. Dieses Gefängnis dient der Autorin Rebekka Frank als räumlicher Dreh- und Angelpunkt einer Mehrgenerationengeschichte, in deren Zentrum die Zwillinge Jale und Enna, die Icherzählerin, stehen.
Es ist August 2023 und die beiden Teenager zählen Tage und Stunden, bis ihre Mutter aus dem Gefängnis entlassen wird. Obwohl sie seit ihrer Geburt bei ihrer ziemlich schweigsamen Großmutter aufwuchsen und bis heute weder ihre Mutter noch ihre Großmutter mit ihnen darüber gesprochen haben, warum ihre Mutter Alea seit Jahrzehnten im Strafvollzug und wer eigentlich ihr Vater ist, leben die beiden Mädchen in ihrer Gedankenwelt auf den Tag und die Stunde hin, wenn ihre Mutter endlich bei ihnen sein wird. Wenn sie nicht gerade die Tage zählen, leben sie in ihrer eigenen Welt in enger Verbindung zur Natur, kennen die Elbe, ihre an Ebbe und Flut gebundene Strömung und alle dort lebenden Vogelarten in und auswendig. Sie beobachten betroffen die Bedrohung dieser Natur durch das Ausschachten des Flussbettes, um immer größeren Frachtern die Durchfahrt zu ermöglichen, und haben fest vor, für den Schutz dieser bedrohten Natur zu kämpfen, wenn sie erwachsen sind.
Enna stellt sich vehement und angriffslustig zwischen die sanftmütige Jale und die Welt. Als Wortführerin und Bestimmerin geht sie von einer bedrohlichen Außenwelt aus, verweigert Kontakt oder gar Freundschaft zu Gleichaltrigen und glaubt, Jale so gut zu kennen wie sich selbst. Für Enna ist die Welt der Zwillinge eine eigene, zu der niemand Zugang haben soll – bis zu dem lange herbeigesehnten Morgen, an dem ihre Mutter aus dem Gefängnis kommen soll und Jale plötzlich verschwunden ist, ohne auf Ennas Handynachrichten zu reagieren. Als sie dann allein vor den Toren von Hahnöfersand steht und an diesem Morgen auch ihre Mutter nicht auftaucht, bröckeln langsam alle Gewissheiten, die Ennas Welt bis dahin ausmachten und aufrechterhielten.
In Rückblenden in den August 1923 und den Oktober 1984, zurück zum 19. Geburtstag der jungen Alea, zurück zu diesem schrecklichen Unglück, das aus einem Moment der Wut und verdrängter Trauer entsteht, erzählt Rebekka Frank die spannende und facettenreiche Geschichte einer Familie. In dieser Familie trafen verschiedene Personen unterschiedlicher Generationen in verschiedenen Momenten falsche Entscheidungen, von deren Konsequenzen noch die Kinder und Enkelkinder betroffen sein werden. Schuld und Scham spielen in allen Generationen eine große Rolle, aber auch der Wunsch nach Verbindung und Geborgenheit. Rebekka Frank ist mit ihrem packenden Roman zu Recht für den deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Jugendbuch nominiert!
Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt