Zum Buch:
Eine Stadt in Marokko in den 1940er Jahren. Eine Mutter, zwei Söhne: eine Einheit, zusammengehalten durch Liebe. Der eine, der zwei Meter zehn große Riese Nagib, ist Stab und Stütze dieser kleinen Dreieinigkeit, der andere, der „kleine Bruder Lustig, erzählt die Geschichte der Mutter: „Kein Mensch hatte ihr je etwas beigebracht, seit sie auf der Welt war. Waise mit sechs Monaten. Aufgenommen von Verwandten aus der Bourgeoisie, denen sie als Hausmädchen gedient hatte. Mit dreizehn Jahren hatte sie ein anderer Bourgeois, von Geld und Moral strotzend, geheiratet, ohne sie je gesehen zu haben. Einer, der ihr Vater hätte sein können. Der mein Vater war.“
Sie ist das Zentrum des Hauses, das sie seit der Hochzeit nicht mehr verlassen hat, aber in diesem Gefängnis ist sie die unangefochtene Herrscherin. Die Außenwelt mit der heraufziehenden Moderne ist ihr fremd, anders als den Söhnen, die beschließen, diesen Zustand zu ändern. Und so hält unter viel Getöse erst ein großes, schweres Blaupunkt-Radio, französisch ausgesprochen Blo Pöng Ktö, und kurz darauf die nötige Elektrizität Einzug ins Haus. Und mit diesem „Monsieur Ktö“, der im Radio sitzt und mit vielen Stimmen spricht, beginnt eine erstaunliche Entwicklung …
Mit ungeheurer Zärtlichkeit und liebevollem Witz erzählt Driss Chraïbi die Geschichte einer Frau, die eine ganz neue Welt kennenlernt und sich schon bald darin wie ein Fisch im Wasser bewegt – aber auf ihre Weise. Und dabei immer entschlossener wird, die Schwachstellen dieser neuen Welt zum Guten zu verändern – ebenfalls auf ihre Weise. Dass dabei manches ins Märchenhafte übergeht, tut der Freude an der Lektüre keinen Abbruch, im Gegenteil.
Es ist dem Unionsverlag zu danken, dass er dieses, in Frankreich 1972 und in Deutschland 1982 erschienene Buch wieder aufgelegt hat, das man durchaus als einen frühen feministischen Roman bezeichnen kann, noch dazu von einem Autor aus dem Maghreb. Er liest sich so frisch und leicht, als wäre es gerade erst geschrieben worden, und die Themen haben ihre Problematik – leider – keineswegs verloren. Auf jeden Fall ist Die Zivilisation, Mutter! ein absolut wunderbares Buch – so unterhaltsam, witzig und tiefgründig, so liebevoll und zärtlich, dass die Lektüre eine reine Freude ist.
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.