Zum Buch:
Das Buch beginnt mit einer kurzen Filmszene: Ein älterer Mann, eine junge Frau und ein kleiner Junge flüchten 1922 aus dem revolutionären Russland. In Odessa besteigen sie ein Schiff nach Konstantinopel. Während der Mann und der Junge in der Kabine bleiben, streift die junge Frau durch das Schiff. Nach 80 Minuten steigt sie über die Reling und springt. Dann fragt eine Stimme: „Das ist der ganze Film?“ und die Antwort lautet: „Ich habe Preise dafür bekommen. (…)“ „Und sie war ihre Tante?“ „Vera, ja.“
Der da spricht, ist Eli. Vor Jahren war er ein preisgekrönter Filmregisseur, jetzt fühlt er sich leer und einfallslos. Er kann nicht mehr arbeiten und versucht auf der Couch seiner Analytikerin Dottoresa Malatesta einen roten Faden in seinem Leben zu finden, der ihn aus diesem Zustand herausbringt. Aber alles, was er erzählt, wird in seiner Schilderung zum Film. Erlebtes und Erfundenes stehen nebeneinander. Er fühlt sich, als erzähle er das Leben einer seiner Figuren.
Jetzt erzählt er die Geschichte von Felix weiter, dem Jungen, der mit seinem Vater in Bulgarien landet, in einer kleinen Hütte am Meer lebt und dem durch einen gnädigen Zufall Hilfe zuteilwird. Felix kann zur Schule gehen, später Architektur studieren, und wird in den 1950er Jahren zum maßgeblichen Architekten des bis heute bekannten Ferienorts Goldstrand – damals ein idealistisches Projekt der sozialistischen Regierung, gedacht als Ort der Völkerbegegnung. Langsam wird klar, dass es sich bei Felix um Elis Vater handelt, von dem Eli nur weiß, dass er ihn bei einer einmaligen nächtlichen Begegnung mit seiner Mutter Francesca gezeugt hat, die als Studentin aus Begeisterung für den Sozialismus an den Goldstrand gereist war. Das hindert Eli allerdings nicht daran, die gesamte Geschichte so darzustellen, als sei er dabei gewesen.
Zwischen den hinreißenden Gesprächen mit der Dottoressa sehen wir Eli in seinem Alltag: einen etwas dicklichen, müden Marcello Mastroianni, der durch die alte, heruntergekommene Villa seiner Großeltern streift, den eingeschlafenen Kontakt zu seiner immer noch geliebten Exfrau und seiner Tochter wieder aufzunehmen versucht und in der Dottoressa den einzig verlässlichen Menschen gefunden zu haben scheint, der ihm zuhört. Um ihr Interesse nicht zu verlieren, füllt er die Leerstellen in seinem Inneren so lange mit Erzählungen, bis ihm selbst die Realität immer ferner wird. Aber das ist nur ein kleiner Teil der Handlung.
Wie häufig in ihren Büchern ist es Katerina Poladjan gelungen, auf engstem Raum, wie hingetupft, ein Jahrhundert Familiengeschichte und Weltgeschehen einzufangen. Goldstrand ist ein Text, unter dessen Leichtigkeit, Humor und Ironie eine tiefe Melancholie liegt und dessen völlig verrücktes Ende dann doch eine Hoffnung birgt. Hinreißend zu lesen und klug zudem. Kinofreunde werden sicher ihre besondere Freude bei der Lektüre haben.
Ruth Roebke, Frankfurt a, M.