Zum Buch:
Zu Beginn dieser Geschichte gibt es keinerlei Grund zur Sorge, denn Sherine Khalil, eine junge Frau mit libanesisch-katholischen Adoptiveltern, lebte mit ihrem Sohn ganz zufrieden in London. Zwar war sie außergewöhnlich häufig in der Kirche, berichtet ihre Mutter, aber das beunruhigte sie nicht weiter, zumal die Familie, die vor den Unruhen im Libanon nach London flüchtete, andere Sorgen hatte. Aber der Ex-Mann von Sherine bemerkte schon, daß sie immer religiöser wurde und als es schließlich zur Scheidung kam und Pater Fontana ihr deshalb die Kommunion verweigerte, war sie für die katholische Religion verloren. In dem Verwaltungsjob bei der Bank hatte sie großen Erfolg, sie arbeitete immer effizienter und die Energie in der Filiale wurde immer positiver. Sie brachte Leidenschaft mit, berichtet der Filialleiter und wurde dafür schließlich mit einem Job bei der Außenstelle der Bank in Dubai belohnt. Aber anstatt sich hier ganz auf den Verkauf von Wüstengrundstücken zu konzentrieren, ließ sie sich von einem Beduinen in die Kunst der Kalligraphie einweisen. Dann wollte sie plötzlich wissen, wer ihre richtigen Eltern waren und reist nach Transsylvanien (!). Hier traf sie den labilen Journalisten Ryan, der ihrem geheimnisvollen Zauber verfält und dann noch die als Edda bekannte Deidre ONeill, eine glühende Anhängerin der geköpften Maria Stuart. Und schließlich traf sie auch ihre Mutter, eine Zigeunerin aus Hermannstadt, die ihr so einiges vom geheimnisvollen Leben der Roma erzählte. Ab diesem Zeitpunkt ließ sie sich schon Athene nennen, später auch noch Hagia Sophia. Dann spannte sie dem Journalisten die Frau aus, tanzte ihre Tänze gegen den vorgeschriebenen Rhythmus, sah dabei die Aura ihrer Mittänzerinnen, propagierte statt Gott die Große Mutter, entdeckte übernatürliche Kräfte bei sich und sagte auch schon mal die Zukunft voraus. Schließlich eröffnete sie in Londons Portobello Road (!) einen Tanzworkshop, der aber erhebliche Tumulte und Widerstände bei den Gläubigen der etablierten Religionen auslöste. Ganz am Schluß dieses schlicht erzählten sogenannten Romans, nach ihrer bestialischen Ermordung, lüftet Coelho das Geheimnis: der Mann von Sherine/Athene/Hagia Sophia, der jetzt erst als Zeuge in dem Buch auftaucht, ein Kommissar bei Scotland Yard, nutzte seine Stellung und den Fund einer bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Leiche um Sherine/usw. das Verschwinden zu ermöglichen. Wir wissen nicht, was aus unserer Heldin geworden ist – und um ehrlich zu sein: es interessiert uns auch nicht …
Klaus Küpper (Bücher zu Lateinamerika)