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Autor
Peters, Christoph

Entzug

Untertitel
Roman
Beschreibung

Mal ehrlich: Ein Roman mit dem Titel Entzug im Schaufenster dürfte wohl nicht unbedingt Massen von Käufern in die Buchhandlung locken, denn wer möchte sich schon mit dem absehbaren Horror der Beschreibung einer Suchtbehandlung, womöglich auch noch autobiographisch gefärbt, in den Sessel setzen oder aufs Sofa legen? Da gibt es nettere Lektüre. Und auch ich hätte mich wohl kaum auf dieses Buch bzw. Thema eingelassen, wenn der Autor nicht Christoph Peters geheißen hätte, der für mich zu den besten deutschen Schriftstellern zählt. Und es hat sich gelohnt. Entzug ist ein großartiger Roman, authentisch, stilistisch brisant und so packend, dass ich ihn in einem Zug gelesen habe – und dann gleich nochmal.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Luchterhand Literaturverlag, 2026
Format
Genunden
Seiten
400 Seiten
ISBN/EAN
978-3-630-87785-3
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021), dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022) sowie dem Schubart-Literaturpreis (2025). Christoph Peters lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Luchterhand mit “Innerstädtischer Tod” (2025) der letzte Teil einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie.

Zum Buch:

Mal ehrlich: Ein Roman mit dem Titel Entzug im Schaufenster dürfte wohl nicht unbedingt Massen von Käufern in die Buchhandlung locken, denn wer möchte sich schon mit dem absehbaren Horror der Beschreibung einer Suchtbehandlung, womöglich auch noch autobiographisch gefärbt, in den Sessel setzen oder aufs Sofa legen? Da gibt es nettere Lektüre. Und auch ich hätte mich wohl kaum auf dieses Buch bzw. Thema eingelassen, wenn der Autor nicht Christoph Peters geheißen hätte, der für mich zu den besten deutschen Schriftstellern zählt. Und es hat sich gelohnt. Entzug ist ein großartiger Roman, authentisch, stilistisch brisant und so packend, dass ich ihn in einem Zug gelesen habe – und dann gleich nochmal.

Der erste Teil, überschrieben mit „Trinken“ reißt einen förmlich hinein in den Bewusstseinsstrom eines Schriftstellers, der auf einen Alkoholpegel von 2,3 Promille angewiesen ist, um Schreiben und funktionieren zu können. Die Mühe, die Zeit und den Aufwand, die es braucht, um ständig neuen Stoff zu beschaffen, in verschiedenen Räumen zu verstecken und die leeren Flaschen zu entsorgen, ohne dass es der Umgebung und vor allem Frau und Kind auffällt, die Selbsttäuschungen, Rechtfertigungen, Lügen, die verzweifelten Versuche, der Sucht Herr zu werden, und, sobald der Pegel sinkt, der rücksichtslose Egoismus, die Unfähigkeit zur Kommunikation, der Verlust von Würde und Selbstachtung, das Zittern – das ganze Elend eines Alkoholikers kurz vor dem Endstadium wird hier offengelegt, genauso wie der mühsame Weg zu der lebensnotwendigen Entscheidung zum Entzug. Die Authentizität und die stilistische Brillanz der Erzählung lösen einen Sog aus, dem man sich kaum entziehen kann.

„Nicht trinken“, der zweite und deutlich längere Teil, führt in die schauerliche Realität einer Entzugsklinik: trübe Krankenhausatmosphäre, Neonlicht, Vierbettzimmer, Stuhlkreisgespräche, Beschäftigungstherapie – vor allem aber zum Zusammenbruch eines auf Alkohol basierenden Selbst- und Weltbildes. Der Entzug ist weit mehr als nur die physische Entgiftung, weit mehr als der Umgang mit quälenden Scham- und Schuldgefühlen, mit der Angst, von Frau und Kind verlassen zu werden, er ist vor allem „Kapitulation“, wie es in der Klinik heißt: bedingungslose Kapitulation nach einem erbitterten Krieg gegen sich und andere. Er erfordert die Auseinandersetzung mit der Vorstellung einer Zukunft in den Trümmern der Gegenwart. Er erfordert auch die Auseinandersetzung mit der Rolle des Trinkens in der Kunst. Kann er, der schon mit siebzehn „Künstler und Trinker“ werden wollte, ohne Alkohol überhaupt schreiben? Gehören Alkohol oder andere Drogen zum Dasein als Künstler nicht unbedingt dazu? Was ist ein Künstler ohne Exzesse, ohne Rausch? Mit schonungsloser Offenheit werden hier all die Vorwände und Rechtfertigungen entlarvt, die zur Sucht gehören, ohne Selbstmitleid, Wehleidigkeit und Psychologisierung. Das ist von verstörender Wucht, fantastisch durchgearbeitet und großartig erzählt.

Dass der Roman einen autobiographischen Kern hat, ist unübersehbar und vom Autor in Interviews auch bestätigt, aber Entzug ist darüber hinaus auch einfach großartige Literatur. Und die kann und sollte man mit Gewinn lesen, ob am Tisch, im Sessel oder auf der Couch. Nur das Glas Wein dazu wird man schnell zur Seite schieben. Aber egal. Tee tut’s auch.

Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.