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Autor
Citchens, Addie E.

Die Abkehr

Untertitel
Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Julia Wolf
Beschreibung

Addie E. Citchens’Debütroman Die Abkehr führt in die fiktive Kleinstadt Dominion im Mississippi-Delta – eine Welt, die auf den ersten Blick von Stabilität, Glauben und sozialem Aufstieg geprägt ist. Im Zentrum steht die einflussreiche Familie Winfrey: tief verwurzelt in der lokalen Kirchengemeinde, wirtschaftlich erfolgreich und gesellschaftlich unangreifbar. Doch was als Porträt einer angesehenen afroamerikanischen Mittelschicht beginnt, entwickelt sich rasch zu einer vielschichtigen Erzählung über Macht, Begehren und das brüchige Fundament moralischer Ordnung.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp, 2026
Format
Gebunden
Seiten
240 Seiten
ISBN/EAN
978-3-518-43267-9
Preis
26,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Addie E. Citchens, geboren in Clarksdale, Mississippi, gewann als erste Autorin überhaupt das FSG Writer’s Fellowship (ausgewählt aus mehr als tausend Einsendungen, von einer Jury rund um Sheila Heti). Daraus ging ihr von Kritik und Publikum gefeierter Debütroman Die Abkehr hervor. Erzählungen der Autorin erschienen u. a. im New Yorker und der Paris Review. Addie E. Citchens lebt in New Orleans.

Julia Wolf ist Übersetzerin und Autorin. Zuletzt erschien von ihr 2022 der Roman Alte Mädchen. Für ihre Übersetzung von Samantha Harveys mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman Umlaufbahnen war sie für den Preis der Leipziger Buchmesse 2025 nominiert.

Zum Buch:

Addie E. Citchens’Debütroman Die Abkehr führt in die fiktive Kleinstadt Dominion im Mississippi-Delta – eine Welt, die auf den ersten Blick von Stabilität, Glauben und sozialem Aufstieg geprägt ist. Im Zentrum steht die einflussreiche Familie Winfrey: tief verwurzelt in der lokalen Kirchengemeinde, wirtschaftlich erfolgreich und gesellschaftlich unangreifbar. Doch was als Porträt einer angesehenen afroamerikanischen Mittelschicht beginnt, entwickelt sich rasch zu einer vielschichtigen Erzählung über Macht, Begehren und das brüchige Fundament moralischer Ordnung.

Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen, deren Perspektiven den Roman tragen: Priscilla, die Ehefrau eines charismatischen Reverends, der nach außen moralische Strenge predigt, während er sie betrügt und kontrolliert, und Diamond, eine junge Frau mit prekärem Hintergrund, die sich emotional an den jüngsten Sohn der Familie bindet: „Ich war immer eine Gläubige der hinteren Sitzreihen gewesen, aber seit ich Wonderboy liebte, war ich in die dritte Reihe umgezogen. Ich musste ihn jederzeit sehen können, und wenn das nicht ging, spürte ich Panik in mir aufsteigen.“ Beide eint mehr, als es zunächst scheint. Sie bewegen sich in einem System, das weibliche Anpassung belohnt und männliches Fehlverhalten systematisch relativiert. Die Dynamik zwischen ihnen ist weniger Konkurrenz als vielmehr Spiegelung – zwei Lebensentwürfe, die auf unterschiedliche Weise von denselben Strukturen geprägt sind.

Citchens gelingt es eindrücklich, die Atmosphäre einer Gemeinschaft zu zeichnen, in der religiöse Normen und soziale Kontrolle eng miteinander verwoben sind. Die Kirche fungiert dabei nicht nur als spirituelles Zentrum, sondern auch als Ort der Disziplinierung, insbesondere in Fragen von Sexualität und Geschlechterrollen. Auffällig ist, wie stark sich diese Normen in die Körper und Selbstbilder der Figuren einschreiben. Wünsche und Abweichungen werden nicht offen verhandelt, sondern verdrängt, moralisch umgedeutet oder in destruktive Bahnen gelenkt. Besonders deutlich wird das in den religiösen Rechtfertigungen, die diese Ordnung absichern: „Den Frauen gab er die Fruchtbarkeit, den Männern die Herrschaft – so steht es in der Bibel und so bringe ich es meinen Jungs bei.“

Der Roman entfaltet seine Handlung entlang eines eskalierenden Konflikts, der vor allem durch die Figur des Sohns Emanuel, von allen „Wonderboy“ genannt, vorangetrieben wird. Als hochbegabter, charismatischer Jugendlicher verkörpert er zunächst die Erwartungen der Gemeinschaft, doch zunehmend zeigen sich Risse in diesem Bild. Seine Grenzüberschreitungen bleiben lange folgenlos oder werden verharmlost – ein Mechanismus, der tief in der sozialen Struktur von Dominion verankert ist. Dabei spart der Roman die Konsequenzen dieser Dynamiken nicht aus. Immer wieder gibt es Szenen von großer Brutalität, auch sexualisierte Gewalt wird konkret und ungeschönt dargestellt. Gerade hier legt der Roman seine politische Schärfe offen: er zeigt, wie Gewalt nicht nur individuell, sondern systemisch produziert und aufrechterhalten wird.

Besonders überzeugend ist die Darstellung Diamonds, deren Kindheit von Verlust und Unsicherheit geprägt ist. Ihre Perspektive verleiht dem Roman emotionale Tiefe und macht die sozialen Ungleichheiten innerhalb der Gemeinschaft sichtbar. Gleichzeitig bleibt die Figurenzeichnung an einigen Stellen überraschend zurückhaltend. Zentrale Konflikte werden angedeutet, aber nicht immer vollständig ausgeführt; entscheidende Gespräche finden oft nicht statt. Dadurch entsteht stellenweise eine gewisse Distanz zu den Figuren – weniger als Mangel, sondern eher als erzählerische Entscheidung, die Leerstellen bewusst stehen lässt.

Gerade daraus entwickelt Die Abkehr eine starke Sogwirkung. Der Roman überzeugt weniger durch psychologische Ausdifferenzierung als durch die prägnante Darstellung sozialer Verhältnisse. Er macht deutlich, wie schnell Gewalt zur Normalität wird und wie schwer es ist, sich aus festen Machtverhältnissen zu befreien. Dass die weiblichen Figuren dabei keine klassischen Heldinnen sind, sondern ambivalent, widersprüchlich und oft verstrickt bleiben, gehört zu den großen Stärken des Buches.

Die Abkehr ist ein fordernder Roman, der sich aktuellen Debatten um sexualisierte Gewalt, toxische Männlichkeit und religiöse Moral auf eindringliche Weise nähert. Keine leichte Lektüre – aber eine, die lange nachwirkt.

Sara Mundt, Der andere Buchladen, Köln