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Die zerrissene Republik

Autor
Butterwegge, Christoph

Die zerrissene Republik

Untertitel
Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland
Beschreibung

Die Zeiten sind vorbei, als öffentliches Reden über sozialökonomische Ungleichheit, Reichtum und Armut en passant als „Neiddebatte“ abgebügelt werden konnte. Vor zehn Jahren sprach der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler (1931-2014) von einem „bizarren Schauspiel“, als sich die große Koalition aus Christ- und Sozialdemokraten auf einen Konsens einigte, wonach es sich nicht mehr gehöre, im Blick auf die BRD von „Unterschichten“ zu reden.

Christoph Butterwegge, emeritierter Professor für Politikwissenschaft, bietet in seinem Buch keine Momentaufnahme sozialökonomischer Ungleichheit, sondern auf 400 Seiten einen sachkundigen Überblick dazu, wie deutsche Regierungen von Adenauer bis Merkel in ihrem Handeln in der Wirtschafts-, Sozial- und Steuerpolitik in unterschiedlicher Parteizusammensetzung Reichtum kontinuierlich gefördert und Armut selten wirksam bekämpft haben. Ein Standardwerk der Ungleichheitsforschung.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Juventa Verlag, 2019
Seiten
414
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-7799-6114-7
Preis
24,95 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrte Politikwissenschaft an der Universität zu Köln.

Zum Buch:

Die Zeiten sind vorbei, als öffentliches Reden über sozialökonomische Ungleichheit, Reichtum und Armut en passant als „Neiddebatte“ abgebügelt werden konnte. Vor zehn Jahren sprach der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler (1931-2014) von einem „bizarren Schauspiel“, als sich die große Koalition aus Christ- und Sozialdemokraten auf einen Konsens einigte, wonach es sich nicht mehr gehöre, im Blick auf die BRD von „Unterschichten“ zu reden. Der einem Wahrnehmungs- und Denkverbot gleichkommende Konsens gehört zu den Eigentümlichkeiten eines Landes, das der Philosoph Ulrich Sonnemann (1912-1993) vor Jahren als „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“ bezeichnete.

Christoph Butterwegge, emeritierter Professor für Politikwissenschaft, bietet in seinem Buch keine Momentaufnahme sozialökonomischer Ungleichheit, sondern auf 400 Seiten einen sachkundigen Überblick dazu, wie deutsche Regierungen von Adenauer bis Merkel in ihrem Handeln in der Wirtschafts-, Sozial- und Steuerpolitik in unterschiedlicher Parteizusammensetzung Reichtum kontinuierlich gefördert und Armut selten wirksam bekämpft haben.

Noch unter der Oberhoheit der US-amerikanischen Besatzung glichen die deutschen Zustände, was die Besteuerung angeht, den amerikanischen Verhältnissen und Roosevelts „New Deal“. 1950 zahlte man mit einem Einkommen von 250.001 Mark noch 186.215 Mark Steuern und ein Millionär trug mit 898714 Mark Steuern substantiell zur Beseitigung von Ungleichheit bei. Danach verlegten sich alle Regierungen auf Reichtumsförderung. Kapital- und Gewinnsteuern wurden reduziert oder ganz abgeschafft, so dass heute die ursprünglich als Bagatellsteuern gedachten Abgaben auf Tabak oder Sekt dem Staat mehr Geld einbringen als die Körperschaftssteuer für Kapitalgesellschaften oder die betriebliche Erbschaftssteuer. Bei der Förderung privaten Reichtums von Kapitalgesellschaften und Aktionären durch ihre Steuerpolitik hat sich die rot-grüne Regierung von Schröder und Fischer besonders hervorgetan. Die angebliche Äquivalenz wurde demagogisch unterlaufen; als Hans Eichel (SPD) den Spitzensteuersatz um 11 Prozent von 53 auf 42 Prozent senkte, achtete er auf oberflächliche „Ausgewogenheit“ und gewährte Kleinverdienern auch einen Steuernachlass um 10,9 Prozent. Zwischen der relativen Gleichheit der Reduktion in Prozenten klafft in absoluten Zahlen ein Abgrund der Ungleichheit. Die „Verarmung“ des Staates war nicht zufällig, sondern politisch gewollt. Und die Ergebnisse dieser „Reform“ sind Armut, verrottende Infrastruktur im Bildungs- und im öffentlichen Verkehrswesen sowie der Notstand im Gesundheits- und Pflegebereich.

Im ersten Kapitel referiert Butterwegge die beiden einflussreichsten Theorien sozialer Ungleichheit – also die Theorien von Karl Marx und Max Weber. In der sozialwissenschaftlichen Diskussion dominierten nach 1945 allerdings ganz andere Ansätze – etwa der von Helmut Schelsky, der von einer „Entschichtung“ der Gesellschaft ausging. Die Teilhabe aller am „universalen Konsum“ führe – so Schelsky – zu einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, in der die sozialen Klassen ebenso verschwänden wie die Armut und die Ungleichheit. Ralf Dahrendorf hielt diese bis Ende der 60er Jahre gängige Darstellung der bundesdeutschen Gesellschaft für reine „Beruhigungsideologie“, denn tatsächlich lebten noch 1965 rund 95 Prozent der Bundesbürger von weniger als 12.000 Mark im Jahr. Dahrendorf sprach von einer „industriellen Klassengesellschaft“, in der insbesondere die Bildungschancen sehr ungleich verteilt seien. Die sozial nivellierende Wirkung des „Wirtschaftswunders“ hielt Dahrendorf für eine Legende, denn die nicht zu bestreitende Wohlstandsvermehrung beseitige „die Wurzel des industriellen Klassenkonflikts“ nicht, sondern schwäche diesen nur ab zum „Konflikt organisierter Interessengruppen“ innerhalb demokratischer Strukturen. Auch in der „Frankfurter Schule“ vertraten Jürgen Habermas, Claus Offe u.a. vergleichbar kritische Positionen und diskutierten den Fortbestand von Klassen, Armut und sozialer Ungleichheit nicht weg.

Das änderte sich in den soziologischen Analysen der 80er Jahre, als prominente Soziologen wie Ulrich Beck nicht länger von Klassen sprachen, sondern von „sozial-kulturellen Milieus“. Viele Soziologen beschäftigten sich fortan nicht mehr mit den harten Realitäten der Sozialstruktur, sondern – wie die Feuilleton-Soziologie – mit Lebensstilen, mit der vermeintlichen Auflösung sozialer Klassen und Schichten durch die Individualisierung und den damit verbundenen Aufstiegschance für alle. So sprach der Soziologe Gerhard Schulz von der „Entvertikalisierung“ der Gesellschaft und deren Diffusion in Milieus.

Butterwegges Analysen der Konjunkturen und Moden im Diskurs über sozioökonomische Ungleichheit bilden ein hervorragend dokumentiertes Kompendium der Wege und Abwege der bundesdeutschen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Während der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften mit dem Siegeszug des Neoliberalismus Fragen der Ungleichheit weitgehend ausblendete („jeder verdient, was er verdient“), gab es in der Soziologie nach 1968 einen Trend zur Rehabilitierung ernstzunehmender und empirisch belastbarer Forschung zur sozialen Ungleichheit. Die Arbeiten von Helge Pross, Jörg Hufschmid, Urs Jaeggi u.a. stehen für diesen Trend. Aber viele Soziologen verloren sich im Gestrüpp „normativer Unverbindlichkeit“ (H.-U. Wehler) und theoretischen Ambitionen von sehr beschränktem Sachgehalt: „Der Kulturkapitalismus ist ein Singularitätskapitalismus, in dem die Singularität eines Gutes zu dessen Kapital wird“ (Andreas Reckwitz).

In informativen Kapiteln belegt Butterwegge minutiös die Erscheinungsformen und Entstehungsursachen sozialer Ungleichheit durch staatliches Handeln und Nicht-Handeln in den Bereichen Besteuerung, Bildung und Arbeitsmarkt. Ein Standardwerk der Ungleichheitsforschung.

Rudolf Walther, Frankfurt