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Autor
Scheuer, Norbert

Mutabor

Untertitel
Roman. Illustriert von Erasmus Scheuer
Beschreibung

Man könnte die Geschichte so erzählen: die junge Nina lebt in der finstersten Provinz, in der jeder jeden kennt, alles über jeden weiß und Missbrauch, Inzest und Vergewaltigung an der Tagesordnung sind, obwohl man darüber natürlich nur flüstert. Sie ist, da unehelich, Epileptikerin und allgemein als dumm geltend, leichtes Opfer für Kleinstadtjugend, Sozialarbeiterinnen und anderes Gelichter, versucht aber dennoch hartnäckig, das düstere Geheimnis zu lüften, das über ihrem unbekannten Vater und der verschwundenen Mutter hängt. Ein Thriller also? Weit gefehlt! Von diesem Genre könnte Mutabor, der neue Roman von Norbert Scheuer, nicht weiter entfernt sein.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
C.H.Beck Verlag, 2022
Format
Gebunden
Seiten
192 Seiten
ISBN/EAN
978-3-406-78152-0
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Norbert Scheuer, geboren 1951, lebt als freier Schriftsteller in der Eifel. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und veröffentlichte zuletzt die Romane «Die Sprache der Vögel» (2015), der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, «Am Grund des Universums » (2017) und «Winterbienen» (2019), das auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, zum Bestseller sowie außerdem in viele Sprachen übersetzt wurde. Er erhielt dafür den Wilhelm-Raabe-Preis 2019 und den Evangelischen Buchpreis 2020.

Zum Buch:

Man könnte die Geschichte so erzählen: Die junge Nina lebt in der finstersten Provinz, in der jeder jeden kennt, alles über jeden weiß oder doch zu wissen glaubt, kein Schritt unbeobachtet bleibt und Missbrauch, Inzest und Vergewaltigung an der Tagesordnung sind, obwohl man darüber natürlich nur flüstert. Sie ist, da unehelich, Epileptikerin und allgemein als dumm geltend, leichtes Opfer für Kleinstadtjugend, Sozialarbeiterinnen und anderes Gelichter, versucht aber dennoch hartnäckig, das düstere Geheimnis zu lüften, das über ihrem unbekannten Vater und der verschwundenen Mutter hängt. Ein Thriller also? Weit gefehlt! Von diesem Genre könnte Mutabor, der neue Roman von Norbert Scheuer, nicht weiter entfernt sein.

Wir befinden uns nämlich in Kall in der Eifel, und wer schon einmal einen Roman dieses Autors gelesen hat, weiß, was ihn erwartet: Ein Ort nämlich, der, so klein er auch sein mag, die ganze Welt enthält. Hier steckt der Makro- im Mikrokosmos, umfasst das triste Supermarktcafé und die noch tristere Kneipe in einer Landschaft, die so unspektakulär ist, wie sie nur sein kann, all die Wünsche, Sehnsüchte, Träume und Katastrophen, die die Welt und die Weltliteratur kennt, entzünden sich an den Elementen – Feuer, Wasser, Luft und Erde – die großen Phantasien der Menschheit, der Traum vom Fliegen, vom Leben in der Unterwasserwelt, vom Schatz in der Höhle, die, obwohl längst Wirklichkeit geworden, hier noch einmal in ihrer unschuldigeren, mythischeren, poetischeren und durchaus auch wahnhaften Form zum Tragen kommen.

Die Geschichte in Ninas schlichter Sprache liest sich denn auch bei allem Schrecken wie ein hochpoetischer Entwicklungsroman oder, besser, wie eine Gralssuche. Das Mädchen, das als zurückgeblieben gilt und sich in der Schule nur durch rätselhafte Tintenklecksbilder (die von Scheuers Sohn Erasmus wunderschön in Zeichnungen umgesetzt werden) ausdrücken kann, erzählt sein Leben und seine Suche nach den Eltern anhand dieser Zeichnungen und der rätselhaften Mythologie, die der griechische Kneipenwirt, obwohl er nur noch zwei Daumen und keine Finger mehr hat, auf Bierdeckel schreibt. Ninas Sehnsuchtsorte sind das Byzanz, von dem ihr der Großvater erzählt, und die griechische Insel, von der Evros schwärmt. Sie weiß, dass sie diese Orte nur erreichen kann, wenn sie das Geheimnis ihrer Herkunft lüftet. Und diese Sehnsucht gibt ihr letztlich auch die Kraft, die Suche trotz aller Hindernisse nicht aufzugeben.

Das titelgebende, von Wilhelm Hauffs Märchen Kalif Storch entliehene Wort Mutabor – ich werde verwandelt werden – bezieht sich nicht nur auf Nina, sondern bezeichnet auch die Lektüreerfahrung bei den Romanen von Norbert Scheuer, den ich, nebenbei bemerkt, für einen der bemerkenswertesten Autoren unserer Zeit halte. Der Aufenthalt in Scheuers Kall verwandelt jedenfalls mich immer wieder neu in eine Person, die zumindest gelegentlich imstande ist, im Kleinen das Große zu sehen. Bitte lesen!

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main