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Autor
Helfer, Monika

Die Bagage

Untertitel
Roman
Beschreibung

Wann beginnt die Geschichte des eigenen Lebens? Mit der Geburt? Der Zeugung? Oder nicht doch schon viel früher, in vergangenen Generationen, bei Menschen, die man gar nicht gekannt hat? Diese Fragen leiten die autobiografischen Erkundungen, die Monika Helfer in ihrem autobiografischen Roman Die Bagage unternimmt. Und sie datiert den Beginn ihrer eigenen Geschichte auf einen sonnigen Tag im Jahr 1914, als der Briefträger sich den steilen Weg in den hintersten Winkel des abgelegensten Dorfes Vorarlbergs hinaufquält, um der Bäuerin Maria den Einberufungsbefehl für Josef, ihren Mann, übergibt.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hanser Verlag, 2020
Format
Gebunden
Seiten
160 Seiten
ISBN/EAN
978-3-446-26562-2
Preis
19,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Monika Helfer, geboren 1947 in Au/Bregenzerwald, lebt als Schriftstellerin mit ihrer Familie in Vorarlberg. Sie hat Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht, darunter: Kleine Fürstin (1995), Wenn der Bräutigam kommt (1998), Bestien im Frühling (Deuticke, 1999), Mein Mörder (1999) und zuletzt bei Deuticke Bevor ich schlafen kann (2010), Oskar und Lilli (2011) und Die Bar im Freien (2012). Im Hanser Kinderbuch veröffentlichte sie gemeinsam mit Michael Köhlmeier 2010 Rosie und der Urgroßvater. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Robert-Musil-Stipendium und dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur ausgezeichnet. Mit ihrem letzten Roman Schau mich an, wenn ich mit dir rede (2017) war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Zum Buch:

Wann beginnt die Geschichte des eigenen Lebens? Mit der Geburt? Der Zeugung? Oder nicht doch schon viel früher, in vergangenen Generationen, bei Menschen, die man gar nicht gekannt hat? Diese Fragen leiten die autobiografischen Erkundungen, die Monika Helfer in ihrem autobiografischen Roman Die Bagage unternimmt. Und sie datiert den Beginn ihrer eigenen Geschichte auf einen sonnigen Tag im Jahr 1914, als der Briefträger sich den steilen Weg in den hintersten Winkel des abgelegensten Dorfes Vorarlbergs hinaufquält, um der Bäuerin Maria den Einberufungsbefehl für Josef, ihren Mann, zu übergeben.

Maria und Josef, die Bagage, wie sie allgemein genannt werden, sind die bestaussehendsten Menschen im Dorf und gerade deshalb nicht beliebt. Der attraktive, aber schweigsame Josef, dessen schwarze Haare durch die weißen Hemden, die er täglich trägt und die von seiner Frau sorgfältig gewaschen und gebügelt werden, erst recht zur Geltung gebracht werden, ist den männlichen Dorfbewohnern ein wenig unheimlich; er trinkt nicht, bleibt in der Kirche ganz hinten auf der Frauenseite stehen und gilt als begabt für vielerlei „Geschäftchen“. Seine Frau dagegen ist Objekt der Begierde aller Männer im Dorf und bei den Frauen entsprechend unbeliebt. Kein Wunder also, dass über die beiden getratscht und gemunkelt wird. Und dass genau beobachtet wird, wie sich Maria jetzt, wo ihr Mann im Krieg ist, wohl verhalten und ihre vier Kinder durchbringen wird. Und dann taucht eines Tages ein Fremder für ein paar Tage auf dem Hof auf, und nicht allzu lange darauf ist deutlich zu sehen, dass Maria schwanger ist. Sicher, auch Josef war für ein paar Tage auf Urlaub bei seiner Frau, aber wenn man wirklich nachrechnet, so die Gerüchteküche, könne diese Schwangerschaft doch wirklich nicht mit rechten Dingen zugegangen sein …

Wer jetzt glaubt, es mit einem schwülen Heimatroman aus fernen Zeiten und rauen Gegenden zu tun zu haben, könnte sich nicht mehr täuschen. Die Bagage handelt vielmehr von der Weitergabe von Vorurteilen und Zuschreibungen über die Generationen hinweg, von der Frage nach dem, was Wahrheit sein könnte und was Erinnerungen sind, die sich soweit verfestigt haben, bis sie von der Wahrheit nicht weiter entfernt sein könnten. So spricht Josef mit Grete, dem Kind, das angeblich nicht von ihm sein kann und später die Mutter der Erzählerin wird, Zeit seines Lebens kein Wort, sie ist Luft für ihn. Dafür hängt sie umso mehr an ihrer Mutter, und das wiederum hat Konsequenzen für die Enkelin: „Meine ‚schöne‘ Großmutter war Vorbild und Vorwurf. Alles Gute hing an ihr, aber wenn meiner Mutter etwas an mir nicht passte, sagte sie, ich solle aufpassen, dass ich nicht werde wie sie.“ Nur: Wie war sie? In Zeitsprüngen und Rückblenden erfahren wir, was aus der „Bagage“ mit ihren sieben Kindern und den zahlreichen Nachkommen geworden ist; knapp, präzise und in einer überwältigend schönen Sprache führt uns die Autorin das reichhaltige Personal dieser autofiktionalen Geschichte vor Augen, manchmal nur in scheinbar beiläufigen Nebenbemerkungen, die einem aber ganz unmerklich den Boden unter den Füßen wegziehen. Ich habe selten ein so außergewöhnlich schönes Buch gelesen, noch dazu eins, das von einer Familiengeschichte erzählt, die von der der meisten Leserinnen kaum weiter entfernt sein könnte und doch die eigene Familiengeschichte bei allen Unterschieden mitzutransportieren scheint. Großartig.

Irmgard Hölscher, Frankfurt a. M.