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Autor
McKay, Sinclair

Die Nacht, als das Feuer kam

Untertitel
Dresden 1945. Aus dem Englischen von René Stein
Beschreibung

Jener ungehemmte Feuersturm, der in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 über die Elbmetropole Dresden herniederging, löschte nicht nur viele Tausend Leben aus und traumatisierte eine ganze Generation, er steht auch gleichzeitig für das unvorstellbare Grauen des Krieges selbst. Dies ist seine Geschichte.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Goldmann Verlag, 2020
Format
Gebunden
Seiten
560 Seiten
ISBN/EAN
978-3-442-31549-9
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Sinclair McKay ist Literaturkritiker für den Telegraph und den Spectator und Bestsellerautor der historischen Bücher The Secret Life of Bletchley Park, Bletchley Park Brainteasers sowie The Secret Listeners. Er lebt in East London.

Zum Buch:

Er wollte deutsche Städte zerstört, deutsche Arbeiter getötet und das zivilisierte Gemeinschaftsleben aufgelöst sehen. Der unter namhaften Historikern im höchsten Maße umstrittene Luftwaffengeneral der Royal Air Force, Sir Arthur T. Harris, war der festen Überzeugung, der deutsche Aggressor könne allein durch ein unvergessliches Trauma in die Schranken gewiesen werden, weshalb er – nach Hamburg und Köln – ab dem Herbst 1944 gezielte Luftangriffe auch auf Dresden anordnete. Die Elbmetropole galt den Alliierten als ein Angriffsziel von höchster strategischer Wichtigkeit, denn neben der Tatsache, dass dort auf Rüstungsproduktion umgestellte Industriebetriebe wie Zeiss-Ikon und Seidel & Naumann ansässig waren, galt die Stadt obendrein als Drehkreuz für Tausende Wehrmachtssoldaten, die in Richtung Ostfront transportiert wurden oder von dort zur Genesung zurückkehrten.

Zu jener Zeit wurde Dresden, wo bereits 1937 erste Repressionen gegen die jüdische Bevölkerung in Gang gesetzt worden waren, von Martin Mutschmann regiert. Der korrupte Gauleiter und Ministerpräsident von Sachsen, der für seine Brutalität bekannt war, hatte es nicht für nötig befunden, ausreichend Gelder für Luftschutzbunker bereitzustellen, weshalb sich die Bevölkerung während der Angriffe in völlig unzureichende Keller flüchtete.

Dann, in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945, wenige Monate vor Kriegsende, befahl Luftwaffengeneral Harris einen regelrechten Feuersturm auf die einstige Hochburg der europäischen Zivilisation. In der ersten Welle ließen 244 britische Bomber Luftminen sowie Spreng- und Brandbomben über die Stadt regnen, die unvorstellbares Grauen über die Bevölkerung brachten. Es stellte sich rasch heraus, dass die provisorischen Schutzräume völlig unzureichend waren. Doch auch in den getroffenen Industrieanlagen, wo zum Großteil Jüdinnen und Juden (wie beispielsweise der deutsche Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Victor Klemperer) sowie russische oder amerikanische Kriegsgefangene (wie der spätere Schriftsteller Kurt Vonnegut) zur Zwangsarbeit herangezogen worden waren, starben die Menschen zu Tausenden.

In den ersten Stunden des kommenden Tages zog dann die zweite, ungleich schrecklichere Angriffswelle über die Stadt hinweg. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde erst im Morgengrauen sichtbar. Die meisten Menschen waren erstickt, bevor sie von den Flammen verzehrt wurden, da die anhaltenden Feuer jeglichen Sauerstoff verschlangen. Andere, die sich auf die Straßen flüchteten, wurden in wenigen Augenblicken zu Asche verbrannt, wieder andere, die glaubten, sich im riesigen Löschwasserbecken auf dem Altmarkt vor den wütenden Flammen retten zu können, wurden regelrecht gekocht. Der Feuersturm tobte allerorts und löschte am Ende fast 25.000 Leben aus. Nicht mitgezählt jene, die zwar nur verletzt waren – jedoch für immer in ihrer Seele gezeichnet bleiben sollten.

Sinclair McKay erinnert in seinem hervorragenden Buch an das tragische Geschehen von vor 75 Jahren, indem er die Zeugnisse von Überlebenden zu Wort kommen lässt und sich bisher unveröffentlichten Materials bedient, darunter auch der Erinnerungen einiger Bomberpiloten. Im Vordergrund seiner Arbeit steht nicht unbedingt das Grauen an sich, sondern vielmehr die gesamte Tragweite der Ereignisse. Wie konnte es dazu kommen? Wer zeichnete dafür verantwortlich? Was waren die Folgen des Desasters, von dem sich bereits kurz nach Beendigung der Angriffe ranghohe britische und US-amerikanische Offiziere distanzierten? Auch wenn 75 Jahre später immer noch Fragen ungeklärt bleiben, so steht McKays Arbeit doch für das erfolgreiche Bemühen, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen und angesichts ihrer Auswirkung auf die heutige Zeit in Erinnerung zu bewahren.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln